Projektbeschreibung

Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wurde ab Januar 2009 ein dreijähriges Praxisforschungsprojekt zum Thema „Elternbeteiligung und Gewaltprävention in kommunalen Bildungs- und Erziehungslandschaften“ von drei sozialwissenschaftlichen Instituten gemeinsam durchgeführt: Camino – Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich gGmbH in Berlin, Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz e.V. (ism) und Institut für Soziale Praxis (isp) der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie in Hamburg. Das isp war für die Koordination des gesamten Forschungsvorhabens verantwortlich. Im Folgenden werden die Ausgangslage, die Ziele und das methodische Vorgehen des nun abgeschlossenen Projekts vorgestellt.

Ausgangslage

Um die vielfältigen Entwicklungsaufgaben und Problemlöseerfordernisse im Kindes- und Jugendalter zu bewältigen, ist es erforderlich, dass formales, non-formales und informelles Lernen ineinander greifen, dass die verschiedenen Institutionen und Akteure der Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen kooperieren und dass Kommunen eine Steuerungsverantwortung bei der Entwicklung von Bildungs- und Erziehungslandschaften übernehmen. Vor diesem Hintergrund fordern die Kommission des 12. Kinder- und Jugendberichtes wie auch der Deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge die praktische Ausgestaltung von Bildungsprozessen durch die Verknüpfung von unterschiedlichen Bildungs- und Lernorten im kommunalen Raum (Diskussionspapier des Deutschen Vereins zum Aufbau Kommunaler Bildungs- und Erziehungslandschaften, 13. Juni 2007). Die Empfehlungen gehen weit über die Forderung einer verstärkten Zusammenarbeit mit Schulen hinaus, beziehen also alle an der Erziehung und Bildung von Kindern und Jugendlichen beteiligten Institutionen – vor allem auch die Jugendhilfe – mit ein. Es wird damit ein ganzheitliches Bildungsverständnis zugrunde gelegt ausgehend von der Auffassung, dass die Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft wesentlich durch eine „umfassende Bildung“ junger Menschen gesichert wird.

Dieses Forschungsprojekt nimmt insbesondere die Rolle der Eltern und die Verbesserung der Elternbeteiligung im Rahmen der Entwicklung von kommunalen Bildungs- und Erziehungslandschaften in den Blick. Darüber hinaus geht es um die Frage, inwieweit die Initiierung und die Gestaltung kommunaler Bildungs- und Erziehungslandschaften auch indirekt und/oder direkt zur Gewaltprävention beitragen können.

Die Beteiligung der Eltern stellt bei der Entwicklung und Gestaltung kommunaler Bildungs- und Erziehungslandschaften ein zentrales Element dar, das aber bisher eher vernachlässigt wird. Insbesondere der Perspektive der Familien auf die formellen und informellen Bildungsmöglichkeiten und die Bildungserfordernisse in ihrem sozialen Nahraum wird in der Diskussion und in der Gestaltung von Veränderungs- und Entwicklungsinitiativen zu wenig Beachtung geschenkt. Diese Entwicklungspotenziale lassen sich auf unterschiedlichen Ebenen identifizieren. Festzustellen ist z.B., dass sowohl im Blick auf die Institution Schule als auch in der Bewertung der Beteiligung der Eltern an den Prozessen im System der Kinder- und Jugendhilfe Veränderungspotenziale markiert werden können. Zu fragen ist, welche neuen Strategien der Elternbeteiligung im Zuge der Weiterentwicklung zu kommunalen Bildungs- und Erziehungslandschaften erprobt und etabliert werden können.  

Ziele des Forschungsprojektes

Das Forschungsprojekt will somit einen Beitrag zur Stärkung des Zusammenspiels zwischen allen Erziehungs- und Bildungsbeteiligten leisten. Hierbei stehen sowohl die Förderung von Partizipation und Entwicklung neuer Beteiligungsformen für schwer zu erreichende Eltern als auch die Schaffung neuer Zugänge zu Bildung im Mittelpunkt.

Die untersuchungsleitende Fragestellung lautet hier: Wie gestalten sich Bildungs- und Erziehungslandschaften im kommunalen Raum im Zusammenspiel zwischen Jugendhilfe, Schule, jungen Menschen und Eltern und welche Bedingungen sowie Anforderungen ergeben sich daraus für die beteiligten Institutionen, insbesondere in Hinblick auf die Schaffung von Beteiligungsmöglichkeiten und von Zugängen zu schwer erreichbaren Eltern?
Im Einzelnen werden bei der Durchführung des Forschungsvorhabens folgende Ziele verfolgt:

  • Abbildung von Möglichkeiten, Grenzen und notwendigen Rahmenbedingungen zur Schaffung von Bildungs- und Erziehungslandschaften;
  • Stärkung der Elternperspektive und ihrer Beteiligung bei der Entwicklung von Bildungs- und Erziehungslandschaften;
  • modellhafte Unterstützung bei der (Weiter-)Entwicklung innovativer Formen des Zusammenspiels von Jugendhilfe, Schule und Eltern zur Förderung und Unterstützung junger Menschen im kommunalen Raum und Bewertung dieser neuen Modelle;
  • Beratung bei der Entwicklung und Erprobung neuer Konzepte und Formen der Arbeit mit Eltern in Erziehungs- und Bildungseinrichtungen;
  • Entwicklung von Modellen, bei denen herausgearbeitet werden soll, inwieweit kommunale Bildungs- und Erziehungslandschaften auch indirekt und/oder direkt zur Gewaltprävention beitragen können.

Methodisches Vorgehen

Für die Umsetzung des Forschungsprojektes ist insgesamt ein Zeitraum von drei Jahren vorgesehen, und zwar von Januar 2009 – Dezember 2011. Die Durchführung wird in vier Phasen erfolgen.

Erste Phase

  • Literaturrecherche zum Stand von Bildungs- und Erziehungslandschaften in Deutschland
  • Qualitative Befragung zu Möglichkeiten, Grenzen und notwendigen Rahmenbedingungen zur Schaffung von Bildungs- und Erziehungslandschaften. Der Perspektive der Eltern kommt eine besondere Bedeutung zu. Das Zusammenspiel der beteiligten Institutionen, also das zwischeninstitutionelle Feld bzw. der informelle, noch nicht institutionell verfestigte Bereich, repräsentiert z.B. in Elterninitiativen, sowie die Ausgestaltung und Zielrichtung der Angebote ist von Interesse. Die Leitfaden gestützte Befragung wird in allen 16 Bundesländern durchgeführt.
  • Auswertung der Befragungsergebnisse nach einem inhaltsanalytischen Verfahren

Zweite Phase

  • Erstellung von Bestandsaufnahmen durch Zusammenführen der Ergebnisse aus Literaturrecherche und Expertenbefragung
  • Rückkoppelung der Ergebnisse an die Praxis – hierfür werden sechs sogenannte „Regionalforen“ unter Zusammenfassung mehrerer Bundesländer in zweitägigen Workshops mit einem ausgewählten Kreis von Expert/innen, Multiplikator/innen und Vertreter/innen von Elterninitiativen durchgeführt mit dem Ziel, die Ergebnisse gemeinsam zu interpretieren und zu bewerten, um daraus neue Handlungsansätze zu entwickeln.  
  • Auswahl der Modellstandorte
  • Erstellung eines Zwischenberichts

Dritte Phase

  • Modellhafte (Weiter-)Entwicklung von Bildungs- und Erziehungslandschaften an sechs Modellstandorten, Ansatzpunkt sind zentrale bildungs- und erziehungsverantwortliche Akteure bzw. Institutionen vor Ort, wobei jeweils die Elternperspektive von besonderer Bedeutung ist. Für das Forschungsprojekt interessant sind zum einen Kommunen, die sich auf eine Weiterentwicklung von Ansätzen zur Arbeit mit Eltern einlassen wollen. Diese Ansätze können im Rahmen des Forschungsprojekts unterstützend begleitet werden. Zum anderen werden Kommunen gesucht, in denen bereits Bildungs- und Erziehungslandschaften entwickelt wurden und die Interesse an einer Evaluation des Entwicklungsprozesses zeigen. Damit werden Bildungs- und Erziehungslandschaften in verschiedenen Stadien betrachtet, einmal im Entstehen bzw. bei der Weiterentwicklung (Typ A), das andere Mal aus der Perspektive der Evaluation (Typ B). 
  • In den Modellstandorten wird jeweils zunächst eine vertiefte Untersuchung zum Stand der vorhandenen bzw. erst in den Anfängen befindlichen Bildungs- und Erziehungslandschaften durchgeführt. Bei den anschließenden Auftaktveranstaltungen geht es entweder um die Unterstützung bei der Konzeptentwicklung zur inhaltlichen und strukturellen Absicherung gebildeter und/oder geplanter Bildungs- und Erziehungslandschaften (Typ A) oder um die gemeinsame Entwicklung eines Evaluationsdesigns und die Verabredung eines entsprechenden Vorgehens (Typ B). Es folgt eine Phase der kontinuierlichen Beratung und (Weiter-)Entwicklung bzw. Evaluation im Rahmen von sogenannten „Projektwerkstätten“. Dieser Prozess wird dokumentiert und ausgewertet.

Vierte Phase

  • Ergebnistransfer in die Praxis sowie Zusammenführung und Auswertung der gesamten Ergebnisse im Rahmen eines Abschlussberichts